„Formal attire“ bei der Master-Graduation? Stammestracht!

Unserer Kollegin Christine Weidinger, LL.M. (ZA) wurde am 7. April 2018 der Grad „Master of Laws in Intellectual Property Law“ von der besten Universität Afrikas – der Uni Kapstadt – verliehen. Das ist schon mal cool genug. Aber die Zeremonie der Graduation hat noch mal einen draufgelegt.

Südafrika zeigt, wie Diversity geht: AfD-Wählern hätte es die Rosette zusammengekrampft und Äderchen in den Augen zum Platzen gebracht. Südafrika hat eine Geschichte, die von mehr Hass geprägt ist als das braunste Sachsen. Und es gelingt den Menschen dort trotz aller großen Schwierigkeiten, sich dieser Geschichte zu stellen und sie zu verarbeiten.

Die diesjährige Graduation an der Law School der University of Cape Town illustrierte das eindrucksvoll:

Das begann bereits damit, dass das Publikum bei der Verleihung der Degrees an Schwarze, die aufgrund ihres Namens oder auch ihrer Kleidung als Mitglieder eines der zahlreichen nativen Stämme erkennbar waren, in Jubelstürme ausbrachen – und zwar das gesamte Publikum, Weiße inklusive.

Ein schönes Beispiel ist das nachstehende Foto von dem Empfang im Anschluss an die Graduation: im Vordergrund eine ziemlich stolze Kollegin Weidinger, im Hintergrund ein ziemlich fröhlicher Neukollege mit Hang zu heimischer Folklore, sein Master-Zeugnis in der Hand:

Graduation at the University of Cape Town 2018
Christine Weidinger, LL.M. (ZA)

Die Laudatio wurde von Yvonne Mokgoro gehalten, der bei dieser Gelegenheit ihr neunter (in Zahlen: 9.!) Ehrendoktortitel verliehen wurde; eine von zahllosen internationalen Ehrungen für eine große Verfassungsrechtlerin. Frau Mokgoro wurde von Nelson Mandela als eine der ersten schwarzen Richterinnen zum südafrikanischen Supreme Court berufen und, man kann es nur auf Englisch so schön ausdrücken, „commands the respect of the world-wide legal community“.

Ihre Rede zielte auf die Weitergabe des Feuers, nicht der Bewahrung der Asche: sie betonte unter großem Jubel, dass die „Generation Mandela“ nur den Grundstein für eine gerechte Gesellschaft gelegt habe, der Weg aber damit keineswegs zu Ende sei und auch nicht enden werde. Die Rede geriet zu einer eindringlichen Mahnung, sich weiterhin intensiv für Versöhnung einzusetzen, um „unity in diversity“ zu erreichen – angesichts der Geschichte der Apartheid, aber auch von mehreren hundert Stämmen eine Mammutaufgabe.

Ermahnungen zur Feierstunde? Andernorts wäre das nicht soooo gut angekommen. In Südafrika ging das Ende der Rede in Rührung und Jubel unter. Die Anwesenden nahmen die Ermahnung erkennbar ernst und auf; beeindruckte Absolventen ignorierten die Etikette und beugten sich am Vice Chancellor vorbei, um Frau Mokgoro die Hand zu schütteln und einige Worte des Dankes an sie zu richten.

Auch bei fortbestehenden Problemen rund um Korruption und Verteilungskämpfe: Südafrika macht Europa gerade vor, wie man sich aus der Umklammerung überkommener Konzepte – und dazu zählt ganz klar die nationalistische Einigelung – erfolgreich befreit.

Vielleicht eine Anregung für künftige Verleihungszeremonien der juristischen Fakultäten in Dresden und andernorts.

2 Gedanken zu „„Formal attire“ bei der Master-Graduation? Stammestracht!“

  1. …die aufgrund ihres Namens oder auch ihrer Kleidung als Mitglieder eines der zahlreichen nativen Stämme erkennbar waren… in Jubelstürme ausbrachen…

    Justitias Attribut ist (auch) die Augenbinde, die das „Richten ohne Ansehen der Person“ sehr deutlich macht. Hier sind nun graduierte Juristen oder Jurastudenten, denen Name oder Kleidung wohl wichtiger ist als die gezeigte Leistung. Ich meine, darüber sollte man mal kritisch nachdenken.

  2. Wenn Juristen in Jubel ausbrechen, weil unfassbares Unrecht zwar nicht wiedergutgemacht wird, aber immerhin abgeschafft wurde, und das als gemischte Gruppe vormals verbitterter Gegner tun, zeigt das vor allem eins:

    Dass sie ihren Job verstehen.

    Die, die das nicht tun, stehen in der Tradition von Roland Freisler und ich wünsche ihnen die Pest an den Arsch.

    Darüber würde ich an Ihrer Stelle einmal kritisch nachdenken.

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